Gut zureden, konfrontieren, ästhetisch verführen?

Den Begriff der "ästhetischen Verführung" wurde von Umberto Maturana geprägt. Der Konstruktivismus lehrt uns, dass Menschen eine Strategie oder ein Verhalten dann übernehmen, wenn sie von der Nützlichkeit der Konsequenzen überzeugt sind. Die motivierende Gesprächsführung geht konsequent den Weg dieser Philosophie und ist geeignet im einzeltherapeutischen Setting; es gibt jedoch Situationen, in welchen die Betroffenen sich selber oder andere massiv gefährden (Kinder, Strassenverkehrsteilnehmer, Mitarbeiter usw.). Dies erfordert dann eine forciertere Gangart:

Die Eigendynamik von substanzgebundenen Suchtproblemen oder auch von Verhaltenssucht bringt mit sich, dass Betroffene nur schon für die Auseinandersetzung mit einer möglichen Verhaltensänderung unerreichbar sind: die Substanz oder das Suchtverhalten hat diese Menschen derart im Griff, dass erst nach einer Entgiftung (bei Verhaltenssucht: nach einem Verhaltensstop) die Zugänglichkeit für eine konstruktive Diskussion der Fakten hergestellt werden kann.

In solchen Situationen kann es nötig sein, im systemorientierten Setting die betroffene Person unter Veränderungsdruck zu setzen, sodass erst einmal eine Entgiftung (oder ein Verhaltensstop) erfolgen kann. Es ist die Aufgabe der Fachperson, im Bezugssystem der betroffenen Person Ressourcen zu mobilisieren und für ein Gespräch aufzubieten, die für diesen Druck legitimiert sind. Dies können Arbeitgeber, der Partner/diePartnerin, eine Behördenvertretung, ein Arzt usw. sein. Wichtig bei dieser Interventionsstrategie ist die Präsenz von konfrontativen Interventionen, im Wechsel mit der Präsenz von unterstützenden Interventionen, im gleichen Raum, zur gleichen Zeit.

Beispiel: Konfrontative Intervention des Chefs: "so kann es nicht mehr weitergehen, entweder jetzt eine Behandlung, oder jetzt unsere Kündigung!" Unterstützende Intervention des Vorarbeiters: "wir schätzen Dich und Deine Leistung, wenn Du fit bist, gerade deshalb lassen wir Dich nicht fallen".

Das Beispiel führt zum nächsten Problem: dank Konfrontation ist der Patient nun zwar in Behandlung, meistens ist er jedoch damit noch nicht für eine therapeutische Kooperation bereit, denn nicht er hat den Auftrag zur Therapie formuliert, sondern diejenigen seines Bezugssystems, die legitimiert waren, Zwang auszuüben. 

Die Erfolgsprognose von unter Zwang eingeleiteten Suchttherapien wird kontrovers diskutiert. Via Gampel macht gute Erfahrungen mit der Methodik, die in "Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? Therapie und Beratung mit unmotivierten Klienten und in Zwangskontexten" von Marie-Luise Conen/Gianfranco Cecchin  2009 dargestellt wird.