Der Weg zur Sucht

Sucht ist das unabweisbare Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und beeinträchtigt die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen eines Individuums. Den sogenannten stoffgebundenen Süchten (z. B. Alkohol-, Nikotin-, Heroinsucht) kommt dabei nur eine repräsentative Bedeutung zu. Sie veranschaulichen in zwar drastischer, aber zugleich auch einschränkender Weise eine Erscheinung, der man auf allen Gebieten des menschlichen Erlebens und Verhaltens begegnen kann. Ob Arbeiten, Sammeln, Machtstreben, Kaufen, Spielen, Sexualität oder die virtuelle Welt - jede Form menschlichen Interesses kann Dimensionen annehmen, die für Betroffene und/oder deren Angehörige sowie das ganze soziale Umfeld zerstörerisch werden.

Im offiziellen Sprachgebrauch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) existierte der Begriff «Sucht» von 1957 - 1964. Danach wurde er durch «Missbrauch» und «Abhängigkeit» ersetzt. In wissenschaftlichen Arbeiten wurde der Begriff «Sucht» daher nicht mehr verwendet.  Im DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual der Mentalen Störungen) werden seit 2013 unter "Addiction and Related Disorders" die substanzgebundenen und die Verhaltenssüchte auf einem Kontinuum von moderat bis schwerwiegend zusammengefasst als "Gebrauchsstörung". Die Unterscheidung von "Missbrauch" und "Abhängigkeit" wird nicht mehr verwendet. "Addiction", "Sucht" impliziert nach der neuen Regelung eine Problematik im Gebrauch einer Substanz bzw. in der Äusserung eines Verhaltens. Anhand eines Beispiels veranschaulicht: Bei einem Patienten, der lebenslänglich im Rahmen einer Schmerztherapie ein Opiat einnimmt, wird eine körperliche Abhängigkeit beobachtet, da es bei Absetzen des Medikamentes Entzugserscheinungen gibt. Dieses Phänomen alleine berechtigt nach der neuen Regelung nicht zur Diagnose Sucht. Es bedarf weiterer Kriterien, die in einem definierten Zeitraum beobachtet wurden

Mit dieser seit 2013 erfolgten Neudefinition wird muss der Krankheitsbegriff der Sucht neu diskutiert werden. Man darf gespannt sein, welche Auswirkungen diese Diskussion auf die Behandlungsprogramme und deren Finanzierung haben wird.

Auch auf dieser Website und auf deren Links ist die Sprache noch nicht umfassend an die neue Definition und an bereits erfolgte Veränderungen in unseren Behandlungsansätzen angepasst, wir sind jedoch bemüht, diese Anpassung nach und nach vorzunehmen.

Die Faktoren, die bei Entstehung einer Sucht mitwirken, können in Form eines Dreieckes dargestellt werden, in dem das Zusammenwirken der drei Faktoren.

  • Mensch (genetische, biochemische Faktoren, konstitutionelle Faktoren, persönliche Entwicklung und Reife, Familientradition, Lebensstil, Zufriedenheit mit dem eigenen Leben unter dem Gesichtspunkt der Diskrepanz zwischen Ideal und Real-Ich)
  • Gesellschaft (soziales, berufliches Umfeld, Werbung, kulturelle Akzeptanz, Kosten, «Peergroup», u.a.) und
     
  • Suchtmittel (Substanz oder Aktivität, Gerät, Programm): Belohnungspotenzial, Verfügbarkeit, Dosis, Häufigkeit ...)

als multifaktorielle Ursache von Suchtverhalten betrachtet wird.

Suchtverhalten wird einerseits als Symptom für innere Konflikte und als Ausweichverhalten vor der Lösung dieser Konflikte aufgefasst, andererseits als erlerntes Verhalten (Gewohnheit), das aufgrund der Eigendynamik der entstandenen Prozesse zu Problemen und Konflikten führte.

Bei der Behandlung von Suchtproblemen wird ersichtlich, dass jeweils von beiden dieser Auffassungen etwas zutrifft.

Weiterführende Literatur

  • Johannes Lindenmeyer: Lieber schlau als blau, 8. Auflage   ISBN 978-3-621-27695-5  Der Autor versteht es, in einer für Laien wie für Fachleute optimalen Darstellung über die Alkohol- und Medikamentenproblematik aufzuklären.
  • Zusammenfassend die Alkohologie für Fachpersonen umfassend dargestellt in folgender Dissertation:>>hier